Allgemeine InfosPresseberichtePressefotosTermin anfragen

Unsere Partner

Stehende Ovationen für Samuel Koch

Wetzlarer Zeitung / 17.07.2015 von Lothar Rühl

LESUNG Ehrlichkeit des Rollstuhlfahrers berührt 280 Besucher

GREIFENSTEIN-BEILSTEIN Eine Mischung aus Anteilnahme und Neugier hat rund 280 Besucher in zwei Veranstaltungen ins Landgasthaus "Hui Wäller" eilen lassen. Samuel Koch, der bekannteste Rollstuhlfahrer Deutschlands, hat Station gemacht.

Der 27-Jährige verletzte sich schwer, als er am 4. Dezember 2010 in der Fernsehshow "Wetten, dass..?" in Düsseldorf mit speziellen Sprungstiefeln über ein fahrendes Auto sprang. Seither ist er querschnittgelähmt.

Als Samuel Koch die Bühne mit seinem Rollstuhl "betritt" und er ins Publikum schaut, nur kurz "Hallo, guten Abend" sagt, brandet bereits der erste Beifall auf. Koch verschwindet hinter einer Sichtwand, während sein Bruder Jonathan die Besucher mit Klaviermusik unterhält. Als der Vorhang zur Seite gerollt wird, sitzt der Schauspieler in einen Ohrensessel mit einem untergeschlagenen Bein.

Den Unfall in der Fernsehsendung spricht der sympathische Süddeutsche kaum an, hat keine Erinnerung daran. Es wird ein ehrlicher Abend, an dem zum Schluss klar ist: Koch ist noch lange nicht fertig mit dem Ereignis und kämpft um eine Rückkehr ins normale Leben. Naomi Mayer, die zwischen seinen Erzählungen und Lesungen einfühlsame Balladen und fröhliche Gospels singt, hält ihm während des Abends sein Buch "Zwei Leben", aus dem er immer wieder Passagen vorträgt. Es ist kein melancholisches Programm, das Samuel Koch mit vierfachem Genickbruch seinem Publikum zumutet. Immer dann, wenn der Zuschauer gerade feuchte Augen bekommt, haut der Mann auf der Bühne wieder einen Spruch raus, bei dem man nicht anders kann, als zu lachen. Oder doch zumindest zu schmunzeln. Zunächst berichtet er von seinem Leben vor dem Unfall, von seiner sportlichen Karriere und seinen Plänen. "Es sah so aus, als wollte das Jahr 2010 zum glücklichsten Jahr meines Lebens werden". Doch es kam bekanntlich anders.

Mimik ist umso lebendiger
Die Erkenntnis, dass er wohl nie wieder laufen geschweige denn über ein fahrendes Auto springen wird, ist nach dem Unfall offenbar erst langsam durch sein von Medikamenten benebeltes Gehirn gedrungen, liest er auf seiner Musiklesungstournee "Samuel Koch & Friends" vor. Das Einzige, das er im Moment trainieren kann, sind Nackenmuskeln.

Der Besucher spürt es: Er würde gerne Gesten machen, ab und zu flattern die schmalen Hände ein paar Zentimeter in die Höhe. Mehr ist nicht möglich. Die Augen, die Mimik, die Wortgewandtheit sind dafür umso lebendiger, ergreifender. Die Musik, die sein Bruder Jonathan mit Piano und Gitarre beisteuert, und die wunderschöne Stimme von Naomi Mayer tun ihr Übriges, um diesen Abend unter die Haut gehen zu lassen.

Koch lässt die Zuhörer teilhaben an seinen Wochen in den Kliniken in Düsseldorf und in der Schweiz, seine Freude über kleine Fortschritte und seine Enttäuschung, dass er noch immer im Rollstuhl sitzen muss. Immer wieder hat er auch an Gott gezweifelt, zu dem er seit seinen Kindheitstagen Vertrauen gefasst hat. Bewusst hat Koch Fragen zugelassen. Medizinische Fragen, Fragen zum Entstehen des Buches, seinem Verhältnis zur Familie, zu seinen Ängsten. Dass er nicht auf jede sofort eine Antwort hat, macht den Schauspieler am Staatstheater Darmstadt authentisch. Gefragt nach seiner Hoffnung, flappst er: "Fett und reich werden". Später nach ein paar ernsteren Sätzen folgt: "Dass ich noch etwas Sinnvolles anstelle, auch wenn der ganze Umstand so sinnlos scheint." 

Die Besucher belohnen so viel Ehrlichkeit mit stehenden Ovationen. Und so folgen noch Zugaben von Samuel Koch & Friends. Ein nachdenklich stimmender Abend geht zu Ende, der das Publikum aber auch mit einem Lächeln entlässt.